1. Teil: Break In von Kopfhörern – Wissenschaft, Wunder oder Wunsch?

Kaum ein zweites Thema wird im Bereich der Klangwiedergabe so sehr diskutiert wie jenes, ob es ein Einspielen von Komponenten gibt oder nicht. Bei Kopfhörern polarisiert dieses Thema extrem. Die einen sagen, jegliches Einspielen ist Quatsch, und die anderen schwören darauf, selbst Zuleitungen mehrere Stunden „einbrennen“ zu lassen. Und nicht selten wird von deutlich hörbaren Veränderungen nach „Break In“ Maßnahmen berichtet.

Ich bin Verfechter davon, dass der Klang von Kopfhörern sich nach einigen Stunden der Benutzung tatsächlich noch einmal wahrnehmbar ändern kann. Nicht zuletzt aufgrund meines technischen Hintergrundes gibt es einige Aspekte, die mir eine Art „Konditionierung“ logisch erscheinen lassen. Natürlich ist die individuelle Wahrnehmung unmittelbar abhängig von der allgemeinen körperlichen und geistigen Verfassung und daher als Messgerät denkbar ungeeignet. Wenn nun jedoch ein neuer Kopfhörer während seiner „Einspielzeit“, also die ersten zig Stunden, objektiv kontrolliert wird, sollte sich zeigen, ob und was sich tatsächlich ändert.

 

Mit dieser Idee als Ausgangspunkt, ist dieses Experiment gestartet; natürlich nicht unter lupenreinen wissenschaftlichen Maßstäben, jedoch so genau, dass ich für mich generelle systematische Fehler zunächst ausschließen kann. So habe ich meinen nagelneuen Audioquest Nighthawk direkt aus der Verpackung heraus auf einen meiner Messköpfe platziert und diesen dort für knapp zwei Wochen unverändert belassen, um eine Reihe von Tests zur folgenden zentralen Fragestellung durchzuführen.

 

„Ändert sich mit der so oft von Herstellern angegebenen Einspielzeit signifikant die Tonalität eines Kopfhörers?“

 

REW-Messungen sollten zu folgenden Fragen Antworten liefern.

  • Treten messbare klangliche Veränderungen auf?
  • Nach welcher Spieldauer treten Änderungen auf?

 

Um den Kopfhörer definiert mit Musik zu befeuern, habe ich meinen Fiio X5.3 hergenommen und für jeweils 10 Stunden die immer gleiche Playlist mit einem Mix aus allen möglichen Musikrichtungen sowie Rosa und Weißes Rauschen zugespielt. Dabei habe ich eine sehr hohe Lautstärke gewählt. Der Nighthawk spielt dabei so laut, wie ich sonst nur vereinzelt ausgewählten Liedern im „Disco-Modus“ zuhöre, wobei ich nicht schwerhörig bin. 😉

Aus Ermangelung der Möglichkeit, den Schallpegel korrekt messen zu können, muss diese Beschreibung hinreichend sein.  

 

Es sind folgenden Messungen im 10-Stunden-Takt entstanden. Zur besseren Veranschaulichung habe ich sie als animiertes GIF übereinander gelegt. Am Ende des Artikels finden sich die einzelnen Messungen in der Gallerie wieder. Nach 50 Stunden habe ich die Darstellung der Messungen beendet, denn alle danach festgestellten Veränderungen waren kaum noch repräsentativ und nur noch in Bereichen vorhanden, in denen auch äußere Störgrößen hätten Einfluss haben können.

 

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In der Animation sind deutliche Änderungen des Frequenzverlaufes im Bassbereich unter 200Hz und im Bereich oberhalb von 5kHz zu sehen. Zudem fällt auf, dass die Verzerrungen deutlich geringer werden. Insbesondere die Störungen bis 50Hz sind nach 10 Stunden bereits deutlich reduziert, wobei im späteren Verlauf nur noch geringe Änderungen auftreten. Das wirft die Frage auf, warum zwischen 0 und 10 Stunden eine solch drastische Änderung zu verzeichnen ist?

 

Eine Vermutung geht in die Richtung, das eventuell der Seal der Polster noch nicht optimal ist, da die Polster selbst noch nie getragen wurden und möglicherweise noch etwas Steif sind. Mit dieser Annahme zeigt die Messung nach 10 Stunden, dass die Polster spätestens dann optimal am Messkopf anliegen. Eine weitere Möglichkeit ist es, dass in den ersten 10 Stunden tatsächlich eine Art Konditionierung der unter mechanischen Aspekten stattfindet. Die Treiber werden „geschmeidig“, alles funktioniert „reibungsloser“. Beide Möglichkeiten sind Spekulationen und lassen sich mit diesem einfachen Messaufbau nicht verifizieren. Die Messungen sind jedenfalls so wie sie sind und die Unterschiede sind offensichtlich.

 

Am Anfang spielt der Nighthawk offensichtlich sehr oberbasslastig auf, was sich mehr und mehr zu Gunsten einer Angleichung zum Tiefbass hin verändert.  Über das Hörempfinden kann ich an dieser Stelle leider keine Aussage treffen, da der Kopfhörer ganz bewusst nicht vom Messkopf herunter genommen wurde. Denn allein durch eine Veränderung der Position von wenigen Millimetern können insbesondere im Hochton Messfehler von 1 bis 3dB auftreten, was ich unbedingt vermeiden wollte. Mit einem AKG K702 habe ich beispielsweise extreme Erfahrungen gesammelt. Dieser kann aufgrund seines großen inneren Freiraumes so frei zum Ohr platziert werden, dass je nach Sitz des Treibers zum Ohr der Eindruck entstehen kann, dass unterschiedliche Kopfhörer gehört werden. Das habe ich bei dieser Messreihe ausgeschlossen.  Und tatsächlich gibt es beim Nighthawk Änderungen von bis zu 3dB in schmalen Bereichen des Hochtons, was schon den Unterschied ausmachen kann, ob ein Kopfhörer als „verhangen“ oder „klar“ klingend bewertet wird. Im Bereich von 6 bis 12kHz legt der Nighthawk sichtbar an Energiefreisetzung zu.

Die Spectogram-Animation zeigt sehr schön auch die Änderung des Klangeindruckes insgesamt. Die rote Fläche im Bassbereich rückt mehr in Richtung Tiefbass und der Nighthawk gewinnt so etwas mehr an Tiefgang. Auch wenn nicht hier im Fokus, zeigt der Nighthawk seine außerordentliche Qualität in Sachen Symmetrie und Verzerrungsarmut. Chapeau!

 

Fazit

Die Eingangsfrage, ob sich die Tonalität eines Kopfhörers signifikant durch ein Einspielen ändert, kann für meinen Audioquest Nighthawk mit einem klaren „JA“ beantworten!  

 


Der entsprechende Diskussionsfaden ist im Prof-X Forum zu finden:

http://forum.prof-x.de/viewtopic.php?f=5&t=223


 

Epilog

Nun gut, dass kann natürlich auch alles nur Zufall gewesen sein, oder ein Montagsgerät…

 

…glücklicher Weise gib es in der Prof-X Community jedoch einige Mitglieder, die sich ebenfalls den Audioquest Nighthawk Dank einer Preisaktion neu gekauft haben. Und so hat Hans mir noch einen weiteren neuen und unbenutzten Nighthawk zur Verfügung stellen können. Mit diesem und einen neuen Satz Ohrpolstern können die Messungen wiederholt werden und zudem die weitere folgenden Fragen untersucht werden, die sich mir während der ersten Messreihe ergeben haben.

 

  • Hat die Lautstärke beim Einspielen einen Einfluss auf die Änderungen? Treten sie schneller oder ggf. gar nicht ein?
  • Polster tragen zum Klang bei. Verändern sich die Polster während der Tragezeit, so dass es klanglich signifikant ist?
  • Treiber vs. Polster – Welche gemessenen Veränderungen sind wo zuzuschreiben?

 

Stellen sich Ergebnisse mit dem zweiten Nighthawk in ähnlicher Qualität ein, dann ist ein Zufall dann doch eher unwahrscheinlich.

 

Es bleibt spannend!

 

Gallerie

 

Mark
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Technikbegeisterter Klangliebhaber

Prof-X Mitglied
Blogger und Produkttester
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