Kabelsalat: Eigenherstellung von Custom Cables

Wer kennt es nicht. Man kauft sich einen neuen oder gebrauchten Kopfhörer, packt ihn aus, verbindet ihn mit dem Verstärker… ääähh… Adapter fehlt… jetzt aber… ääähh… nur noch schnell das Kabel entwirren… schon kann es los gehen. Man beginnt zu hören und erfreut sich am hoffentlich sofort einrastenden Klang. So weit so gut – oder?

Im besten Fall schon, zumindest was den Hörer angeht. Die Erfahrung zeigt leider, dass Kopfhörerkabel qualitativ oft nicht gut aufgebaut oder nicht ausreichend an einzelne Anwendungsfälle angepasst sind. Immer wieder ist man mit Hörern konfrontiert, deren Kabel zu steif, zu unhandlich, zu lang, zu kurz, hinsichtlich Mikrofonie zu „laut“ sind oder zum Verdrillen neigen. Zahllose weitere Gründe Probleme mit Kabeln zu haben sind in der Branche bekannt. „Das muss aber nicht sein“, sprach das Männlein vom Teleshoppingkanal…

Wie man also beim Eigenbau eines Kopfhörerkabels vorgeht, sei an dieser Stelle am Beispiel eines ca. 25cm langen Adapters 4Pin XLR Female auf 3.5mm Klinkenstecker erklärt.

Los geht es mit der Auswahl des Materials. Entscheidend sind natürlich in erster Linie die Stecker. In diesem Fall benutze ich auf der einen Seite einen 3.5mm Klinkenstecker des Typs Hicon HI-J35S02. Am anderen Ende soll ein 4Pin XLR Female Stecker des Typs Neutrik NC4 FXX-B seinen Dienst verrichten. Als Leitungsmaterial verwende ich bevorzugt sehr weiche AWG26 Leitungen aus hochreinem Kupfer, ggf. silberplattiert. Hier bietet der Markt eine enorm große Auswahl, viele Produkte sind sehr gut, manche kompletter Mist. Wichtig ist mir eine glatte Isolierung, möglichst aus PTFE (Marketingbezeichnung: Teflon), damit das Sleeven leicht von der Hand geht. Als Sleeve eignen sich u.a. Gewebeschläuche z.B. von Viablue, dünne Schläuche aus feinem Baumwollgeflecht oder auch Nylonleinen (a.k.a. Paracord), die bei diesem Bau zum Einsatz kommen.

Bei der Pinbelegung gibt es je nach Stecker mehr oder weniger verbreitete Standards. Es gibt aber natürlich auch herstellerspezifische Belegungsmuster, z.B. bei den balanced Klinkensteckern. Und dann gibt es da noch die etwas exotischeren Stecker, wie z.B. am Sennheiser HD800 oder dem AKG K812. Unabhängig von der Wahl der Stecker bzw. Kupplung empfiehlt es sich, die technischen Beschreibungen der beteiligten Geräte zu konsultieren. Dort ist praktisch immer einwandfrei angegeben, welche Belegung herrscht.

Wie zu sehen ist, kommen für diesen Adapter 4 Stränge zum Einsatz. Damit diese Leinen sich als Sleeve eignen, müssen die Kernschnüre entfernt werden. Dazu gehört einiges an Fingerspitzengefühlt, ist aber machbar. Es ist sehr wichtig, das Mantelgelflecht bei diesem Arbeitsschritt nicht zu beschädigen.

So sehen schließlich die 4 einsatzbereiten Sleeves aus.

Und hier die 4 Sleeves zusammen mit dem Kabel, das ich normalerweise benutze. Hierbei handelt es sich um eine AWG26 Leitung mit insgesamt 30 einzelnen Litzen. Natürlich hochreines Kupfer mit Silberplattierung und PTFE Isolierung, wie bereits beschrieben.

Jetzt brauchen nur 4 Stücke ausreichender Länge dieser Leitung durch die Sleeves gefädelt werden. Ich wünsche viel Geduld 😉 Je ein Ende jedes Leitungsstücks wird anschließend abisoliert und sorgsam verzinnt. Ohne sauberes Verzinnen ergibt sich hinterher keine saubere Löststelle.

Und dann werden auch schon die Stecker benötigt, deren Kontakte natürlich ebenfalls verzinnt gehören.

Die bereits vorbereiteten Enden der Leitungen werden in diesem Fall an das Innenleben des 4Pin XLR Steckers gelötet. Dann werden die Sleeves bis in die Nähe der Löststellen gezogen und fixiert. Ich habe hier selbstklebenden Schrumpfschlauch verwendet. Anschließend kann der Stecker zusammengebaut werden.

Dann geht es schließlich ans Flechten der 4 Stränge. Je nachdem wie man dabei vorgeht, können sich verschiedene eckige oder runde Flechtmuster entstehen. Ich verwende bevorzugt die Methode „von außen über zwei hin und unter einem zurück“. Z.B. auf Youtube findet man zahllose Anleitungen zu verschiedenen Techniken. Je nachdem wie eng die Stränge geflochten werden, ändern sich Optik und Geschmeidigkeit des Kabels. Sobald man am Ende der Stränge angekommen ist, wird wiederum ein Stück Schrumpfschlauch benutzt um eine Fixierung zu erreichen.

Bevor der Stecker angelötet wird, sollte dringend feststehen, welche Gehäuseteile oder Splitter noch auf das Kabel gefädelt werden müssen. Wäre nicht das erste Mal, dass ich einen Stecker entfernen muss um Teile nachträglich hinzuzufügen. Übung macht den Meister 🙂

Und so schaut schließlich das fertige Adapter-Kabel aus.

Auf der CanJam 2017 konnte es am großen, offenen OMG Acedia 40 bestaunt werden, dann allerdings im Geschwaderflug mit dem entsprechenden balanced Kabel gleicher Machart.

Bei der Gestaltung von Kabel sind der Kreativität hinsichtlich Länge, Stecker, Farbe, Dicke, Flechtmuster, etc. praktisch keine Grenzen gesetzt. Und, ganz ehrlich, gut gebaute Custom Cable machen optisch und haptisch einfach richtig was her. Das ist für mich der Hauptgrund für den Eigenbau. Frisch ans Werk!

Über Kabel in verschiedensten Zusammenhängen kann auch im Prof-X Forum diskutiert werden: Subforum Kabel

Dominik

Dominik

Moderator Professor X
Überzeugter DIYer, Kopfhörersympathisant, Musiker, Blogger
Dominik

Ein Kommentar bei „Kabelsalat: Eigenherstellung von Custom Cables“

  1. Gefällt mir wirklich gut, saubere Arbeit.

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