Review: Brainwavz B400 Stay Frosty

Prof-X ist immer noch im Inear-Fieber. Der Auslöser war die neue Modellpalette des chinesischen Herstellers Brainwavz, die B-Serie. Die hat unsere Kopfbügelfraktion schon irgendwie hinter dem Ofen hervorgelockt. Das Forum ist definitiv auf den Inear-Geschmack gekommen. Heute ein Review des Flaggschiffs der B-Serie, dem B400, der mit 4 BA-Treibern der technisch interessanteste InEar der Serie ist. 

Im Jahr 2017 brachte der asiatische Hersteller Brainwavz eine Reihe neuer InEars, die sogenannte B-Serie heraus. Dabei handelte es sich anfangs um die Modelle B100, B150 und B200, die allesamt mit balanced armature Treibern auf den Markt kamen. Die beiden Erstgenannten mit einem Treiber je Seite, der B200 mit einem dualen Aufbau, also 2 Treibern je Seite. Ich kannte Brainwavz zuvor nur wegen des relativ bekannten HM5 Kopfhörers und den vielen Polstern dafür. Meinem modifizierten TH-X00 Purpleheart habe ich beispielsweise die geraden Echtlederpolster verpasst, die ich für sehr gut halte. Mit den bereits auf dem Markt befindlichen InEars mit dynamischen Treibern, hatte ich jedoch nie etwas am Hut.

Durch Hans‘ kurze Stellungnahme zum B200 wurde ich auf die B-Serie aufmerksam und durfte schließlich den B150 und den B200 auf der CanJam 2017 in Berlin am Stand von Headsound hören, der bereits in den Startlöchern stehende B400 (mit 4 BA-Treibern je Seite) war leider nicht vor Ort. Hier kann ein kurzer Vergleich zwischen B150 und B200 von mir nachvollzogen werden.

Noch bevor mein Exemplar des B400 überhaupt hergestellt wurde, konnte Hans seines schon ausgiebig probieren und hat auch eine Stellungnahme, auch im Vergleich zum B200 und dem Stagediver SD4, in unserem Forum platziert. Ein Auszug:

 

Tja. Der B400 ist schon anders, irgendwie erwachsener würde ich sagen, ein richtig ernst zu nehmender Inear Monitor. Nicht mehr „Kategorie Ohrstöpsel“, zu der ich den B200 grad noch so rechne. Und ganz ganz ganz weit weg von der „Kategorie Chinaböller“, die Brainwavz in ihren anderen Serien gerne bedient. Ich erkenne das auch daran, dass ich immer wieder mit meinem Referenzhörer Stagediver SD-4 Vergleiche anstelle. Das tue ich sonst nicht. Einmal die Referenz hören und alles ist klar, das funktioniert hier aber nicht. Warum? Weil der B400 tonal zwar anders ist, mehr Bass, etwas andere Perzeption in den Höhen. Aber weil er eben auch die grandiose Auflösung schafft, die dem SD-4 eigen ist. Nicht ganz die Bühne, die ist kompakter, aber eben die Auflösung. Und die kompaktere Bühne ist kein Nachteil, sie ist eben nur anders. Ich bin völlig unschlüssig, wie der B400 zu meiner Referenz steht. Mal sehe ich das so, mal so … hängt auch von der Musik ab.

 

Und klanglich? Deutlich prägnanterer Bass, sehr genau und „federnd“ wie wir hier gerne sagen. Der SD-4 macht weniger Druck im Bassbereich, spielt dafür noch etwas sauberer dort. Und hier kommen die Spinfit Dinger ins Spiel. Ersetzt man die Standardtips damit, wird der Bass etwas zahmer und klettert vor allem qualitativ auf höchstes Niveau. Das gefällt mir. Dafür riskiere ich auch, dass ich mit einem Silikontip im Ohr rumlaufen muss, bis die CP800 hier sind :kh: :kh: :kh:

 

Mitten sind leicht zurückgesetzt und wunderbar, hier wie dort. Sehr sanft, sehr schön, Stimmen sind richtig gut. Wir haben es ja beim SD-4 schon eher mit einer spassigen Abstimmung zu tun, und da legt der B400 noch ein Schippchen drauf. Gipfeltreffen der Badewannen Inear Monitore. Die Höhen sind präsent, sagte ich ja schon. Das sind die aber auch beim SD-4. Der B200 wirkt im direkten Vergleich tonal etwas verhangen, leicht dumpf. Das ist beim SD-4 und auch beim B400 anders. Beide haben kristallklare Höhen, klingen obenrum dennoch minimal verschieden, aber auf höchstem Niveau. Hier findet psychoakustisch diese enorme Auflösung statt, von der ich weiter oben geschrieben habe.

 

Beides sind Tophörer. Beide machen einen richtig guten Job. Die Musik macht einfach Spaß mit dem SD-4 und das tut sie bei mir seit Jahren. Der B400 kann das auch. Es nervt auch nichts, das ist richtig harmonisch abgestimmt und beide wirken in Gänze eher smooth als scharf.

Hans, „Robodoc“

 

Mein Paar B400 habe ich während der Black Friday PreOrder Aktion Ende November 2017 bestellt. Während dieser Phase war nur die Farbvariante „Stay Frosty“ erhältlich, zwei unsymmetrische Kabel gehörten ebenfalls zur Bestellung. Zwischenzeitlich kann der B400 in insgesamt 5 unterschiedlichen Farbvariante bestellt werden, Stay Frosty, Black, Cosmic Black, Crimson Red und Blue Knight. Meiner dunklen Erinnerung nach waren noch weitere Farben (mindestens ein kräftiges Grün und irgendwas in Richtung Lila) vorgesehen, wobei bei der Herstellung offenbar bis heute Probleme bestehen.

Bei der Lieferung musste ich leider feststellen, dass mir versehentlich 2 linke Gehäuse geliefert wurden. Der Customer Service von Brainwavz hat sich dem Problem umgehend angenommen, innerhalb einer Woche erreichte mich die korrigierte Bestellung, bestehend aus einem linken und einem rechten Gehäuse. Abgesehen vom ursprünglichen Fehler ist das eine gute Leistung von Brainwavz.

Im ersten Moment des Auspackens erschienen mir die Gehäuse des B400 relativ groß, war ich doch zuvor in Sachen InEar mit einem im Vergleich geradezu winzigen Hifiman RE-400 und davor mit einem Creative EP-630 unterwegs.

 

Trotz der Größe des B400 können die Gehäuse auch von ungeübten Benutzern sehr leicht eingesetzt werden. Es ist naheliegend, dass die Größe des Gehäuses u.a. durch den benötigten Bauraum für die 4 BA-Treiber bedingt wird. Die äußere Oberfläche ist sehr glatt und ohne spürbare Nähte. Schaut man durch das teiltransluzente Material ins Innere sind Spuren der Herstellung erkennbar. Die Gehäuse werden mittels eines stereolithografischen 3D Druckverfahrens hergestellt. An einem Schallröhrchen eines Gehäuses war ganz vorne im Bereich der Öffnung ein Tropfen übrig geblieben, den ich mit einem sehr scharfen Skalpell entfernt und anschließend mit 1200er Schleifpapier geglättet habe. Der Schriftzug BRAINWAVZ auf den Gehäusen bietet Orientierung in welches Ohr das jeweilige Gehäuse gehört.

 

Die standardmäßigen MMCX-Buchsen sind sauber in das Gehäuse eingelassen, entsprechende Stecker rasten satt ein. Die mitgelieferten, in meinem Fall unsymmetrischen, schwarzen Kabel, sind zwar sehr dünn und auch gut verarbeitet, sind aber etwas störrisch. Den festen Teil oberhalb des Ohres empfinde ich gar als störend. Auf den Klang hat das natürlich keinen Einfluss. Im Lieferumfang des B400 befinden sich eine Reihe kleiner Gummitipps und ein Paar roter Foamtipps, die sogenannten Complys. Zusätzlich habe ich mir ein paar Spinfits CL800 besorgt, die zu den relativ dünnen Schallröhren des B400 kompatibel sind. Die mittlere Größe an Gummitipps passt sehr gut in meine Gehörgänge. Es kann jedoch manchmal sein, dass ich nach einigen Minuten den Sitz leicht korrigieren muss, um Druckstellen zu vermeiden. Der Seal ist praktisch immer sofort gegeben und bleibt auch über Stunden erhalten.

 

Klanglich ist der B400 für mich eine echte Offenbarung. Zugegeben, ich bin in Sachen InEars noch sehr unerfahren. Während ich meine bisherigen InEars und auch China-Kandidaten wie den üblen KZ ZS3 als entweder zu neutral im Sinne von langweilig, zu dunkel oder zu badewannig in Erinnerung habe, gibt sich der B400 in diesen Hinsichten keine Blöße. Er ist ganz sicher nicht als neutral einzustufen, bietet er doch einen breiten, sehr angenehmen Bassbuckel.

Vielen Dank an Andreas/Randysch für die Messungen, die er während der Audiovista 2018  von meinem B400 anfertigte!

Insgesamt erlebe ich den B400 als einen sehr hochauflösenden, detailverliebten InEar, der mit einer gefälligen Abstimmung zu überzeugen weiß. Der besagte, flache Bassbuckel, der etwas schwächer betonte Präsenzbereich und der detaillierte aber nicht schneidende Hochton überzeugen mich durch die Bank. Insbesondere das Nichtvorhandensein von lokalen Peaks macht den B400 zu einem langzeittauglichen Kandidaten. Größe und Weite der Bühne fallen im Vergleich zu Fullsize Kopfhörern etwas geringer aus, für einen InEar beeindrucken mich dennoch beide. So richtig besticht der B400 jedoch in Sachen Auflösung. Vermutlich bedingt durch das Antriebsprinzip gelingt die Wiedergabe über das gesamte nutzbare Frequenzband ausgesprochen sauber und kontrolliert. Trotzdem wird die Gesamtstimmung dabei nicht zu analytisch oder metallisch, sondern bleibt konsequent musikalisch. Überraschenderweise braucht es dafür offenbar keine dynamischen Treiber, denen man eine gewisse Musikalität, insbesondere im Bassbereich, nachsagt. Obwohl die Gehäuse eine kleine Belüftungsöffnung aufweisen, die im nachfolgenden Bild am linken Gehäuse zu sehen ist, ist die Isolation insgesamt gut und z.B. für den öffentlichen Nahverkehr absolut ausreichend. Kommt der Nachbar in unmittelbarer Nähe aber auf die Idee, seinen Laubbläser auszuführen, stellt sich die Situation anders dar. Eine solch hohe Isolation kann man von einem Multi-BA-InEar mit Hifi-Anspruch meiner Meinung nach nicht erwarten.

 

Übrigens, die Abstimmung des B400 ist der des Focal Clear nicht unähnlich. Tatsächlich höre ich derzeit diverse Scheiben von Steven Wilson bzw. Porcupine Tree fast ausschließlich mit dem B400 – genau dafür scheint er gemacht zu sein.

Es sei nochmal erwähnt, dass der B400 mein erster ernsthafter InEar ist. Einen besseren Einstieg kann man zu diesem Preis wohl kaum erwischen. Auch die aktuell aufgerufene Summe von $189 halte ich für ein Schnäppchen. Allerdings lohnt sich die zusätzliche Investition in das FiiO RC-MMCXB Kabel, für meine Begriffe erhöht das die Ergonomie enorm.

Kaufempfehlung? Absolut! 🙂

Dominik

Dominik

Moderator Professor X
Überzeugter DIYer, Kopfhörersympathisant, Musiker, Blogger
Dominik

Ein Kommentar bei „Review: Brainwavz B400 Stay Frosty“

  1. Sehr schönes Review!
    Ich kann abschließend nur noch anfügen, dass ich den B400 mittlerweile für alle meine Fahrten im Nah- und Fernverkehr nutze, symmetrisch am Fiio X3 Mark III. Das ist eine ernst zu nehmende Kombination, die durchaus audiophilen Ansprüchen genügt. Den Stagediver SD-4, der wurde ja oben im Zitat erwähnt, hat der B400 für diesen mobilen Einsatz verdrängt. Mittlerweile verwende ich auch nicht mehr die Spinfit-Gummis, die etwas offener sind und weniger Außengeräusche dämpfen … im Langzeiteinsatz im Flieger und in der Bahn haben sich die beiliegenden Standardtipps dann doch bewährt.

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