Slipknot – We Are Not Your Kind

Die Nu-Metal- und Alternative-Metal-Band Slipknot, deren Ursprünge bis 1992 zurück reichen, war anfangs nur einer sehr kleinen, dann aber immer schneller wachsenden Gruppe an Metalfans bekannt. Spätestens seit den tatsächlich frei erfundenen „Zitaten“, auf die in der Berichterstattung rund um den tragischen Amoklauf in Erfurt in 2002 von manchen Medien eingegangen wurde, ist die Band auch in Deutschland einer breiteren Masse bekannt. Für eine weitere Verbreitung sorgte das im selben Jahr erschienene Video- und Livealbum „Disasterpieces“ der maskierten 9, das in der Folge in voller Länge u.a. im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland zu sehen war.

Mit „We Are Not Your Kind“ erschien am 9. August 2019 das bereits 6. Studioalbum der Band. Ich habe mir, wie immer, die physische Version in Form einer CD geleistet. Wie manche ihre Vinyls schätzen, so mag ich das CD-Ritual und auch das Blättern im Booklet, gerade beim ersten Durchhören. Übrigens, die Texte sind inhaltlich nicht zu unterschätzen!

Liste der bisherigen Studio-Alben:

          1999       Slipknot

          2001       Iowa

          2004       Vol. 3: (The Subliminal Verses)

          2008       All Hope Is Gone

          2014       .5: The Gray Chapter

          2019       We Are Not Your Kind

Wer, wie ich, den Werdegang der Band als Sympatisant verfolgt hat, bekam unweigerlich die bedeutenden Änderungen mit, die auch einen Einfluss auf den musikalischen Output der Band hatten und haben. Ich bin seit „Vol. 3: (The Subliminal Verses)“ Fan und kenne natürlich alle Alben in- und auswendig. So sehr ich die meisten Songs und die Alben schätze, so wenig reizt es mich, ein Live-Konzert zu besuchen. Dies ist wahrscheinlich einer von 2 wesentlichen Punkten, in denen ich mich von sogenannten „Maggots“, also den „echten“ Hardcore-Fans, unterscheide. Der zweite besteht darin, dass ich die große Variabilität in der musikalischen Ausgestaltung der Songs schon seit Jahren absolut genial finde.

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Während die ersten beiden Alben für Slipknot-Verhältnisse noch recht eintönig und ganz klar Heavy-Metal geraten sind, weist jedes darauf folgende Album jeweils eine neue, einzigartige Stimmung auf. Das hängt, meiner Beobachtung nach, von mehreren Faktoren ab:

– Kontinuierliche Verbesserung der musikalischen Fertigkeiten

– Musiktheoretisch anspruchsvollere Songs

– Einsatz weiterer/anderer Hardware

– Veränderung der Besetzung

Aufwendigere Studiotechnik und Mastering

Auch ist sehr ohrenscheinlich, dass die Qualität der Aufnahmen auf den jeweiligen Datenträgern jeweils von Album zu Album verbessert wurde. Bemerkenswert finde ich, wie bereits angedeutet, die wiedererstarkte Experimentierfreude, die beim Schreiben und Aufnehmen dieses neuen Albums offensichtlich Einzug gehalten hat. Von der Tatsache, dass Slipknot den Weg in die Öffentlichkeit vollends erfolgreich beschritten hat, zeugt die Premiere der ersten ausgekoppelten Single „Unsainted“, die bei Jimmy Kimmel Live im Mai 2019 erfolgte. Ich wage mal die Behauptung, dass so etwas noch bis vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wäre.

Insgesamt haben 14 Songs mit einer Gesamtspieldauer von 63:26 min den Weg auf die neue Scheibe gefunden. Ich werde nicht auf jeden dieser Tracks eingehen. Die Gesamtstimmung dieser Scheibe zeichnet sich durch einen höheren Anteil an Elektronischem, sprich Samples und DJing aus, was beides schon immer Besonderheiten von Slipknot waren und bis heute sind. Außerdem erkennt der Kenner leicht, dass die 3 mehr oder weniger neuen Bandmitglieder einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Sound dieses Albums haben. Z.B. kickt die Bass-Drum deutlich anders als man bisher zu hören bekam. Und, das hört man eigentlich nur wenn man es weiß, der Frontmann Corey Taylor hat das Rauchen aufgegeben. Gepaart mit den anspruchsvolleren Riffs im Bereich Gitarre und Bass ergibt sich so die teilexperimentelle Klangwelt, die „We Are Not Your Kind“ ausmacht.

Mit Unsainted eröffnet das Album mit einem Song, der mir sehr gut gefällt und unverkennbar Slipknots Haussound trägt. Schwere, düstere, stark verzerrte Gitarrenriffs sind hier angesagt, gepaart mit den beinahe schon als klassisch zu bezeichnenden Breaks. Auch ein Chor darf hier nicht fehlen – cool! Die dritte Single Birth Of The Cruel weißt die größte Ähnlichkeit mit Songs des ersten Studioalbums auf. Einzelne rhythmische Elemente wurden gar direkt übernommen, ohne den neuen Song dabei alt wirken zu lassen. Death Because Of Death bewegt sich mit Ausnahme der Vocals komplett im elektronischen Bereich, was ich als Experiment sehr schätze. Es sieht leider so aus, als ob das Material nicht für einen ganzen Song gereicht hat, 80 Sekunden sind etwas mager, finde ich. Der fünfte Track nennt sich Nero Forte und entspricht meiner Meinung nach einer Reminiszenz an das 4. Studioalbum „All Hope Is Gone“ – harte, schnelle Riffs, fast schon gerappte Textpassagen, unterbrochen von einer kompliziert synkopierten Bridge. A Liar’s Funeral beginnt sehr ruhig und begleitet von akustischen Gitarren. Im weiteren Verlauf wird der Sound immer heavier, ohne jedoch an (gezähltem) Tempo zuzulegen, auch wenn dieser Eindruck entsteht. Das liegt wohl daran, dass die Percussions zu Beginn in Halftime unterwegs sind. What’s Next kann man bestenfalls als Aufzug-Intermezzo und Einleitung zu Spiders sehen. Dieser Track wiederum wird getragen von einer einfachen Piano-Tonfolge, einer wiederum ungewöhnlichen Synkopierung und stärker werdenden Synth-Effekten. Das ganze im 7/4-Takt, schon ist ein richtig schräger Song fertig. Da musste ich mich ein bisschen einhören, fand den Song mit der Zeit aber immer besser, was gleichermaßen für den Song My Pain gilt. Mit Not Long For This World wird man als Hörer in klassischer Slipknot-Manier erst aufs Glatteis des Erstaunens geführt, dann aber dem elektronisch unterstützten Haussound belohnt. Das Album schließt mit Solway Firth, der zweiten Singleauskopplung der aktuellen Scheibe. Ein Song ohne große Überraschungen, der, wie viele Konzerte der Band, mit einem Knall endet.

Ich muss gestehen, dass ich beim ersten Durchhören von rund der Hälfte der gesamten Spieldauer überrascht war. Mit der Zeit habe ich aber doch die meisten Songs schätzen gelernt. Zu meinen Lieblingssongs dieser Scheibe haben sich dabei Nero Forte und Spiders entwickelt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich in der nahen Vergangenheit ein gewisses Interesse für Producing, Sampling, Synths, etc. entwickelt habe.

Wer ein Herz für topmodernen Heavy-Metal hat, wird „We Are Not Your Kind“ sehr wahrscheinlich sehr schätzen. Genau 20 Jahre nach dem Release des ersten Studioalbums ist Slipknot erneut ein großer Wurf gelungen.

Meine ausdrückliche Empfehlung bekommt die Scheibe jedenfalls  :kh:

 

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Dominik

Dominik

Moderator Professor X
DIYer, Blogger, Hifi-Enthusiast, Kopfhörer-Liebhaber, Problemlöser, Musiker
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