Deichkind – Wer Sagt Denn Das?

Als kompletten Kontrast zu meinem letzten CD-Review behandle ich heute die aktuelle Scheibe der – laut Wikipedia – Hip-Hop- und Electropunk-Band Deichkind. Seit über 20 Jahren ist diese Gruppe auf den Bühnen dieser Republik mit wechselnder Besetzung und sich noch stärker veränderndem Sound unterwegs. Die Single „Bon Voyage“ ist wahrscheinlich den meisten ein Begriff – mehr oder weniger freiwillig. Wer seit dem nichts mehr von Deichkind behört hat, wird überrascht sein, was sich daraus entwickelt hat.

Kopfhörerforenvolksmund: „Kopfhörer für Electro müssen im Bassbereich logischerweise (stark) betont sein!“

Ich: „Wer sagt denn das?“ :mrgreen:

Wie meistens habe ich mir kurz nach dem Release dieser Scheibe die Limited Deluxe Edition gekauft – warum auch nicht. Diese unterscheidet sich von der normalen Version durch eine zweite Disc, auf der die Instrumentals aller „normalen“ Songs enthalten sind. Für Leute, die sich auf das Sampeln und Producing verstehen ist diese Scheibe unter Garantie eine echte Goldgrube, da ist richtig starkes Material dabei. Dieses Mal vor allem im Einsatz: STAX Lambda normal bias (ja, der echte Lnb) & Focal Clear :top:

Liste der bisherigen Studio-Alben:

          2000       Bitte ziehen Sie durch

          2002       Noch fünf Minuten Mutti

          2006       Aufstand im Schlaraffenland

          2008       Arbeit nervt

          2012       Befehl von ganz unten

          2015       Niveau weshalb warum

          2019       Wer sagt denn das?

Inhaltlich hochtrabende Texte zu erwarten wäre sicherlich etwas vermessen, das ist bereits nach den ersten wenigen Takten klar – Kennern auch schon vorher. Auf den gut 60 Minuten Gesamtspieldauer, die dieses Album umfasst, sind hier und da trotzdem durchaus Songs zu finden, die eine gewisse Botschaft beinhalten – immer launig verpackt in saftige Beats und vollgelayerte Synths und Effekte. Natürlich alles aus der elektronischen Kanne. Ich finde das manchmal wirklich herrlich. Wie bei den letzten beiden Alben setzt Deichkind auch in den eigentlich komplett partytauglichen und einfach erscheinenden Songs gerne mal auf in diesem Genre verhältnismäßig umfassende und komplexe Lyrics. Ein Auszug aus dem Track Keine Party:

„Manch einer würde jetzt vielleicht behaupten, dass man als Mensch diese Art von Entertainment auch mal braucht. Bei nüchterner Betrachtung, stellt sich dieser Sachverhalt vielleicht als nicht ganz so wahrheitsgemäß heraus.“

Ein schönes Gegengewicht zu eher improvisiert wirkenden Passagen, wie ich finde. Hier die hochkomplexe Hook aus Knallbonbon in voller Länge:

„Knallbonbon, mach auf, mach „bum, bum“
Knallbonbon, mach auf, mach
Knallbonbon, mach auf, mach „bum, bum“
Knallbonbon, mach auf, mach
Knallbonbon, mach auf, mach „bum, bum“
Knallbonbon, mach auf, mach
Knallbonbon, mach auf, mach „bum, bum“
Knallbonbon, mach „bum, bum““

Wie immer geht das Album mit einem Intro los, das dieses mal aber deutlich weniger pompös ausfällt als auf den letzten Alben:

Intro – Aufstand im Schlaraffenland

Intro – Befehl von ganz unten

So ’ne Musik – Niveau Weshalb Warum

Einige der Songs nehmen Bezug zu gerade aktuellen Themen, gerne kritisch, in jedem Fall aber humoristisch und definitiv sarkastisch. Die erste Single Wer sagt denn das? nimmt unmittelbar Bezug auf die aktuelle Medien-, Informations- und Diskussionskultur. Wie bei vielen Songs des Albums wird mit einem eher einfachen, fast schon klassischen Hip-Hop-Beat im Elektro-Style gearbeitet. Den Song 1000 Jahre Bier featured the one and only Till Lindemann, wobei gemeinsam das Deutschsein fatalistischer Nationalisten behandelt wird, meine ich zu erkennen. Es kann durchaus sein, dass diese Inhalte im dichten, düsteren Sound des Tracks untergehen… Ganz anders geht es bei Dinge, das von Das Bo gefeatured wird, zur Sache, wo mit transparenten Elektro-Beats und einer arabisch anmutenden Nebenmelodie, gespielt auf einem Synth, gearbeitet wird. Und – wer hätte das gedacht – es werden die Folgen behandelt, die sich aus dem (übermäßigen) Besitz von Dingen ergeben. Getreu dem Motto „the things you own, own you“. Mit Keine Party nehmen sich Deichkind feat. Bela B. selbst auf die Schippe, indem sie das exakte Gegenteil von dem predigen, was bei Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) auf der Scheibe „Aufstand im Schlaraffenland“ (2006) sowas von angesagt war. Ein weiteres Feature ist im Song Quasi zu finden, hier sind Jan Böhmermann und Olli Schulz, die gemeinsam den absolut empfehlenswerten Podcast Fest & Flauschig betreiben, mit von der Partie. Hier werden gleichermaßen die bereits vorherrschende Doppelmoral und die zunehmende Oberflächlichkeit moderner Gesellschaften beackert.

So geht es munter weiter, allerdings ohne weitere Features. Regelrecht grenzbrilliant finde ich die grundsätzliche Fähigkeit der Jungs von Deichkind, alltägliche und  triviale Themen zu Songtexte zu verarbeiten und mit geil produzierten Instrumentals zu kombinieren. Das macht die Zuordnung zu einem definitiven Genre noch unmöglicher.

Ein kleines Kunstwerk für sich ist in jedem Fall das Booklet. Während natürlich die Texte aller Songs darin zu finden sind, haben die Jungs von Deichkind ihrer Kreativität hinsichtlich Kostümen freien Lauf gelassen. Wer schon mal ein Konzert von Deichkind besucht hat, hat ganz sicher eine ziemliche genaue Idee davon bekomme, was ich damit meine. Im Booklet sieht das z.B. so aus:

Ganz sicher ist Deichkind im Allgemeinen und „Wer sagt denn das?“ im Speziellen nichts für den herkömmlichen Audiophilen im Endstadium. Und natürlich ist diese Art der Musik nichts für jeden Anlass und schon gar nicht für jede Stimmung. Jan Böhmermann sagte kürzlich über Deichkind: „Ihre Songs hängen irgendwo zwischen Dosenbier und Hochkultur. […] Es ist nicht nur Musik, es ist Performancekunst.“ Dem ist meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen.

Wenn man sich auf das jeweils aktuelle Niveau an (scheinbarem) Blödsinn einlässt, liefern Deichkind mit dieser Scheibe eine mehr als unterhaltsame Fortsetzung ihrer speziellen Electropunk-Diskografie. Mir machen die meisten Songs richtig Spaß, allen voran Dinge und Knallbonbon. Ich würde die Scheibe auf jeden Fall wieder kaufen und halte sie für Richtig Gutes Zeug :kh:

 

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Dominik

Dominik

Moderator Professor X
DIYer, Blogger, Hifi-Enthusiast, Kopfhörer-Liebhaber, Problemlöser, Musiker
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