[Review] NuraLoop by Nura

Das Erscheinen des letzten Blogbeitrags auf blog.prof-x.de ist nun schon eine ganze Weile her. Leider ist das Erzeugen neuer Beiträge nicht ausschließlich eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit, sondern auch eine vorhandener, interessanter Geräte und letztlich vor allem eine des aktuellen Zustandes der Hirnchemie. Alle Klarheiten beseitigt? Hier geht es jedenfalls um den brandneuen NuraLoop („The world’s smartest earphone.“) des australischen Unternehmens Nura, das bereits einige Zeit zuvor mit dem NuraPhone auf sich aufmerksam machte.

Anfang Juni 2019 wurde der damals recht frisch angekündigte NuraLoop im Prof-X Forum erstmalig andiskutiert. Am 11.06.2019 habe ich schließlich nach reiflicher Überlegung den virtuellen Abzug betätigt und die Pre-Order-Phase genutzt. Schon damals war relativ klar, dass es sich um eine Art halbgetarnte Crowd-Funding-Aktion handeln wird. Der ursprüngliche Liefertermin war zunächst mit Oktober 2019 – sagen wir – „sehr optimistisch“ angesetzt. Tatsächlich dauerte es bis zur Lieferung aufgrund verschiedener Verzögerungen in meinem Fall bis zum 15.05.2020. Ziemlich genau 11 Monate. Schlichtweg extrem. Keine Frage.


Erstmal flux ausgepackt, das gute Stück. Die Rückseite der sehr soliden Verpackung überzeugt genau so wie die u.a. im Titelbild zu sehende Vorderseite. Auf der linken Seite werden die wesentlichen Merkmale des NuraLoops aufgezählt. Außerdem wird dem User beim Betrachten des Kartons auch nochmal in gedruckten Worten klar gemacht, worum es hier geht: „Music in Full Color“. Spoiler: Genau so ist es.

Und so geht es schließlich im Inneren der Schachtel zu. Die Bestandteile des Lieferumfangs sind von sehr guter Qualität. Insbesondere gilt das für den NuraLoop an sich. Das Kabel zieht Staub etwas an, ansonsten bin ich komplett überzeugt. Das kleine selbstklebende CE-Label am Kabel habe ich direkt nach dem Auspacken entfernt, da es durch Reiben am Kragen Geräusche verursachen kann. Einzig das Reiseetui fühlt sich etwas billig an. Da werde ich mir wohl eine stabilere und höherwertigere Alternative besorgen.

Das Alleinstellungsmerkmal der beiden Nura-Modelle, nämlich NuraPhone und NuraLoop, schlechthin ist die automatische Anpassung an die anatomisch bedingte Wahrnehmung des Trägers. D.h. jedes Gerät erzeugt individuelle Hörprofile, die die anatomischen und – in diesem Zusammenhang – die akustischen Eigenschaften der Ohren des Users berücksichtigen. Das geschieht, vereinfacht ausgedrückt, indem beide Ohrteile des NuraLoops Testtöne abspielen, und die in der Folge vom jeweiligen Innenohr und Trommelfell emittierten Geräusche mittels hochpräziser Mikrofone aufnehmen. Aus der Auswertung dieser Daten kann auf das Hörvermögen des Trägers geschlossen werden, wobei keine Aussage darüber getroffen wird, ob jemand insgesamt gut oder weniger gut hört. Auch liegen nachvollziehbarerweise die Einflüsse des Hörzentrums außerhalb der Reichweite der Auswertung. Bis zu 3 Profile können im NuraLoop gespeichert werden, wobei der Wechsel dieser ausschließlich über die Smartphone App vollzogen werden kann.

Hier geht es zur ausführlichen Erklärung (Englisch) von Nura: How It Works


Die Inbetriebnahme des NuraLoops geht sehr einfach von der Hand, sofern man denn in der Lage und auch willens ist, sich an die wenigen Wörter zu halten, die gemeinschaftlich die Anleitung dafür bilden. Grundlage ist ein zumindest ausreichend aufgeladener NuraLoop und eine stabile Bluetooth-Verbindung zu einem halbwegs modernen Smartphone, in meinem Fall aktuell ein Oneplus 6T. Im Folgenden kann man den Einrichtungsprozess auf besagtem Android-Smartphone nachvollziehen. Die Nura-App gibt es an den üblichen Stellen, sowohl für Android als auch für iOS. Für den späteren Normalbetrieb wird die App nicht unbedingt gebraucht, eine Bluetooth- oder analoge Kabelverbindung reicht grundsätzlich völlig aus. So kann ich mir beispielsweise bei meinem Astell & Kern AK70 aussuchen, ob ich die drahtlose digitale oder kabelgebundene analoge Verbindung nutzen möchte.

Stichwort Kabel, hier geht Nura eleganterweise einen ganz eigenen Weg. In der Mitte des Verbindungskabels zwischen den beiden Ohrteilen gibt es eine Reihe von Kontaktpunkten in einem kleinen runden Gehäuse, an dem sowohl das USB-Ladekabel als auch das analoge Signalkabel angedockt werden können, natürlich nicht gleichzeitig. Mit Hilfe eines integrierten Magneten wird dabei sicher gestellt, dass der jeweilige Stecker in der richtigen Orientierung eingesteckt wird und auch am NuraLoop verbleibt. Bei zu großem Zug löst sich die Verbindung schadlos. Ich finde, das ist eine gute Lösung für Produkte dieser Art.

Zurück zur Inbetriebnahme. Die folgenden Screenshots entstammen meiner insgesamt zweiten Einrichtung, nachdem ich den NuraLoop auf Werkseinstellungen zurückgesetzt und die App vom Smartphone komplett gelöscht hatte. Das war technisch nicht nötig, für das Erzeugen der Screenshots für dieses Review aber unvermeidlich. Der gesamte Vorgang ist auch im ersten Anlauf in weniger als 2 Minuten locker zu bewältigen, es geht kaum einfacher. Etwas zusätzliche Zeit sollte im Vorfeld eingeplant werden um die ideal passende Größe(n) an Tips zu finden. Das Gerät wird mit M ausgeliefert, ich habe beidseitig auf L gewechselt und bin dabei geblieben.

Hat man diese herkuläischen Hürden schließlich genommen, wird man mit seinem eigenen, individuellen, personalisierten Hörprofil belohnt, das – entsprechend modern visualisiert – in meinem Fall so aussieht:

Ganz ehrlich und ohne jegliches Geschwurbel: Diese auditive Erfahrung, die mir die Firma Nura mit ihrem neuen NuraLoop im freiwilligen Tausch gegen den PreOrder-Kaufpreis für das Gerät ermöglicht, hat mich in einem Maß erstaunt, das ich nicht mehr für möglich hielt. Das meine ich todernst. Schon im Einrichtungsprozess bekommt man anhand eines eher seichten Beispielsongs einen Eindruck davon, wie groß der Unterschied zwischen dem leicht schräg, metallisch und eher langweilig klingenden „Neutral“ und dem angepassten „Personalisiert“ Modus ist. Ein Schelm würde dahinter vielleicht Berechnung vermuten, der NuraLoop könnte schließlich einfach absichtlich weniger gut klingen, im „Neutral“ Modus. Selbst wenn es so wäre, für mich ergibt es keinen Sinn ausgerechnet den unique selling point eines Produktes links liegen zu lassen. Die automatisch erzeugte, personalisierte User-Kurve kann nicht eingesehen oder verändert werden. D.h. wer zusätzliche manuelle Anpassungen der Audioausgabe vornehmen möchte, braucht eine zusätzliche EQ-App, die folglich dann nicht greift, wenn der NuraLoop mit einem anderen Gerät verbunden wird.


Übrigens, in der Nura-App lassen sich einige wichtige Einstellungen treffen, die nicht unbedingt jeden Tag bedient werden müssen. Die Eingabemöglichkeiten über die Touchfelder auf beiden Ohrteilen könnten meiner Meinung nach etwas umfassender ausfallen, da die Technik dafür bereits offensichtlich an Bord ist. Das Thema greife ich später nochmal auf.

Ein besonderes Schmankerl ist meiner Meinung nach die Immersion Funktion, die stufenweise genutzt werden kann, sofern der individuelle Modus aktiv ist. Hierbei handelt es sich um eine Anhebung der Tiefbässe um dem User das Gefühl eines Live-Auftritts zu geben, was tatsächlich ausgesprochen gut funktioniert. Beispielsweise kommt Slipknots (Studio-) Album „We Are Not Your Kind“ damit einem hochqualitativen Live-Konzert näher. Mehr als Halbgas sollte man dabei meiner Meinung nach nicht geben – je nach Musik, versteht sich.


Hier kommen wir auch zu einem weiteren interessanten, wenn nicht sogar dem interessantesten Punkt überhaupt, dem Klang. Offensichtlich geht Nura von einem eher technisch modernen aber nicht badewannigen Ziel-Frequenzgang aus. Die Anpassung an das User-Gehör führt in Richtung enormer Detailwahrnehmung, einer großen Bühne und absoluter peakfreier Langzeittauglichkeit, das Fundament ist tendenziell auf der kräftigeren Seite zuhause. Trotz dieser leichten, per Immersion regelbaren Spaßorientierung liefert der NuraLoop eine insgesamt sehr solide und technisch hochwertige Audiowiedergabe. Offensichtlich bewegen sich die Teile des Gesamtsystems, bestehend aus BT-Modul, DAC, KHV und Treiber(n) nicht in seinem jeweiligen Grenzbereich. Die Präsentation ist nach musikalischen Gesichtspunkten mehr als ordentlich, gegenüber ähnlich bespreisten InEars mit BA-Treibern fehlt es dem NuraLoop vielleicht am letzten Stückchen Fein-Auflösung. Entgegen meiner ursprünglichen Befürchtungen eignet sich der NuraLoop „ab Werk“ ebenfalls für zum Beispiel anspruchsvolle Klassik. Technisch und was Bühne und Separation angeht bekommt er das mühelos hin, die Standard-Abstimmung mit 50% Immersion wird für viele Produktionen wohl tendenziell zu warm sein. Mit geringerer oder ganz ohne Immersion geraten in dieser Hinsicht kritische Stücke aber ausgezeichnet, was mich, wie bereits geschrieben, sehr positiv überrascht hat. Etwas bassschwächer digitalisierten Vinyls, wie z.B. Natalie Merchants Tigerlily LP kann man damit in Gegenrichtung mit wenigen Gesten richtig Leben einhauchen, was ich genial finde. Ich sehe seine Stärken vor allem im gesamten rockigen, elektronischen und jazzigen/bluesigen Bereich. Dafür wurden sie gemacht, habe ich den Eindruck. Letztlich gibt es aber tatsächlich keine Einschränkungen.

Die mit dem NuraLoop erreichbare Lautstärke bei normal abgemischten Produktionen ist für meine Begriffe mehr als ausreichend. Bei aktiver EU-Lautstärkebegrenzung ist mir die höchste Stufe bereits zu laut, ohne Begrenzung wird es geradezu ohrenbetäubend. Bei mir bleibt die Begrenzung daher aktiv. Durch den angenehmen Sitz, den guten Seal und das starke ANC muss die Lautstärke nicht erhöht werden, um Außengeräusche zu übertönen. Ich hätte nicht gedacht, dass der NuraLoop in diesem Ausmaß zu akustischer Isolation in der Lage ist. Möchte man seine Umwelt trotzdem wahrnehmen (können), lässt sich der Social Mode mit einer Berührung des linken Ohrteils aktivieren oder per Fingerkreisen stufenweise regeln. In diesem Fall werden die Außenmikrofone aktiviert und die Lautstärke der Wiedergabe etwas reduziert. Dank dieser Mikrofone kann der NuraLoop auch als Bluetooth-Headset benutzt werden. Kommt während der Wiedergabe von Musik ein Anruf rein, genügt eine Berührung des rechten Ohrteils um die Wiedergabe zu pausieren und den Anruf anzunehmen. Die beidseitige Verständlichkeit ist ausgezeichnet. Nach dem Auflegen wird der zuvor pausierte Song automatisch fortgesetzt.


Mit der Reichweite und Qualität der Bluetooth-Verbindung bin ich soweit zufrieden. Bleibt mein Smartphone auf dem Schreibtisch liegen, kann ich mich mit dem NuraLoop im Ohr auf dem gesamten Stockwerk meiner Doppelhaushälfte bewegen. Kommt eine Betondecke und ggf. gemauerte Wand dazwischen, kommt es schnell zu Aussetzern. Im Normalbetrieb, also mit dem Smartphone in der Tasche und dem NuraLoop in den Ohren arbeitet mein Gespann vollkommen unterbrechungsfrei, sowohl indoor als auch outdoor. Sobald der NuraLoop in die Ohren gesteckt wird, schaltet er sich automatisch ein und verbindet sich innerhalb von Sekunden mit dem Smartphone. Wird der NuraLoop abgelegt geht er nach kurzer Zeit in den Deep Sleep Modus. Auf diese Weise wird so viel Akku-Ladung als möglich gespart. Die Laufzeit ist dabei beachtlich, erst nach deutlich mehr als 12 Stunden geht dem NuraLoop der Saft aus. Und das obwohl er zuvor nicht voll geladen war. Das kann sich für ein ANC-Gerät dieser Qualitätsklasse mehr als sehen lassen!

Besonders zu betonen ist der Customer Service bei Nura, auch wenn das mit dem Produkt in erster Näherung nichts zu tun hat. Meiner Meinung nach hat sich Nura in dieser Hinsicht vorbildlich verhalten. Was mich angeht, so wurden sämtliche Kontaktaufnahmen aus verschiedenen Gründen im Vorfeld des Kaufs und nach dem Eintreffen der Sendung, innerhalb relativ kurzer Zeit kompetent beantwortet. Auch auf Instagram gibt das Team alles, der cry-baby-army, wie ich sie nenne, da die meisten aus dem amerikanischen Raum zu kommen scheinen, Herr zu werden. Schon am Tag der Auslieferung meldeten einzelne User Kontaktprobleme mit der Nura-App und dass es zu Problemen mit dem Ladekabel kommen kann, wenn entgegen der Anleitung ein fast charger benutzt wird. Das Software-Problem lag offenbar nur in der Android-Version vor und wurde innerhalb von Stunden behoben und ausgerollt. Am 26.05.2020 kam schließlich die Nachricht an alle bisherigen User des NuraLoop, dass kostenlos ein neues Ladekabel ausgeliefert werden wird. Ich hatte bislang keinerlei Probleme, begrüße aber diese Art des Kundenservice ausdrücklich.


Weniger begrüßenswert ist das Verhalten einiger User auf z.B. Instagram, wie bereits im letzten Absatz erwähnt. Keine Angst, ich werde mich hier nicht in einer Gesellschaftskritik mit zahlreichen Screenshots ergehen, auch wenn ich gute Lust dazu hätte. Kurzfassung: Bevor man einen Hersteller online schlecht macht, obwohl man offensichtlich das Produkt und dessen Bedienung und/oder die Bedingungen des Kaufs bzw. der Rückgabe nicht verstanden hat, sollte man zumindest in Erwägung ziehen, selbst die Ursache des aktuellen Problems zu sein. Unpopulär und konservativ, ich weiß…

 

Mein Fazit:

Trotz der enormen Wartezeit bin ich froh, die Bestellung nicht storniert zu haben. Mit dem NuraLoop zeigt Nura erneut, wohin die Reise mit automatischen, individuellen Anpassungen an einzelne User gehen wird. Ich kann nicht ausdrücklich genug betonen, wie überrascht ich von dem personalisierten Modus auch im Zusammenspiel mit der Immersion bin. Da muss man bei anderen Geräten bzw. Gerätekombinationen schon ein verhältnismäßig großes Rad drehen, während der NuraLoop im Taschenformat mit enormer Akku-Laufzeit daher kommt. Die Audio-Reproduktion ist auf ausgezeichnetem, beinahe als audiophil zu bezeichnendem Niveau mit toller Separation und Bühne. Der etwas sehr marketing-mäßige Slogan „Music in Full Color“ beschreibt tatsächlich trefflich das Erlebnis, was der NuraLoop und mutmaßlich auch der NuraPhone liefern. Mehr Kontrast, viiiieel mehr Details, sprichwörtlich mehr Farbe, keine nervigen Peaks. Nuraloop einsetzen, play, eintauchen. Sehr gut gelungen ist außerdem die Toucheingabe, die sicher auf Berührungen reagiert und Taps von Kreisbewegungen des Fingers unterscheiden kann.

Dennoch gibt es Dinge, die den NuraLoop, genauer gesagt, seine Bedienung, aus meiner Perspektive noch besser machen würden. Quasi alle davon sind wahrscheinlich durch Firmwareupdates zu erreichen, könnte ich mir sehr gut vorstellen. Zum einen würde ich mir wünschen, double- und trippletap features einzubauen, um die Eingabemöglichkeiten (Song vor, Song zurück, etc.) zu erweitern. Somit müsste das Quellgerät noch seltener in die Hand genommen werden. Auch wäre es praktisch, die Toucheingabe temporär deaktivieren und wieder aktivieren zu können, beispielsweise durch das gleichzeitige Antippen beider Ohrteile. Außerdem ist mir aufgefallen, dass in einem Betriebszustand (Personalised Mode an, Immersion an, Social Mode an, Wiedergabe pausiert) ein Rauschen zu hören ist. Genau diese Punkte habe ich auch dem Customer Service zurück gemeldet, mal sehen, ob damit was passiert.

Meinen genialen Brainwavz B400 „Stay Frosty“ ersetzt der NuraLoop nicht, vielmehr ergänzt er mit seinen so anderen Funktionen und unkomplizierten Eigenschaften mein LineUp. Insgesamt hat mich der NuraLoop absolut überzeugt, ich würde ihn jederzeit wieder kaufen und kann ihn nur jedem wärmstens ans Herz legen, der eine mobile, wohlklingende und mit ANC ausgerüstete Dauerläufer-Lösung braucht :kh:

Dominik

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Moderator Professor X
DIYer, Blogger, Hifi-Enthusiast, Kopfhörer-Liebhaber, Problemlöser, Musiker
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